Im Berufsalltag Grenzen setzen: Öfter mal Nein sagen

Wer das Neinsagen im beruflichen Alltag tabuisiert, schadet seiner Gesundheit und seinem Ansehen

Den Kollegen „Mach mal eben“ gibt es im beruflichen Alltag überall. Seine Opfer findet er nicht nur in unerfahrenen Berufsanfängern, denn Neinsagen kann von Menschen jedes Alters als problematisch wahrgenommen werden. Privat wie beruflich zählt das Neinsagen als notwendiger Ausdruck von Persönlichkeit zur alltäglichen Bestimmung von Meinungen, Bedürfnissen und Wünschen. Als klarer, unmissverständlicher Hinweis der Ablehnung soll ein ausgesprochenes Nein vor allem vor Ärgernissen, Gefahren und Schäden bewahren. So entwickelt sich bei vielen ein Zustimmungsautomatismus um belastenden Reaktionen auf ein geäußertes Nein vorzubeugen. Auf Dauer kann sich das Jasagen negativ auf Körper und Psyche auswirken. Wer alle Arbeitsaufträge annimmt, ohne auf die persönliche Belastungsgrenze zu achten, wird auf Dauer krank. Wer sich ständig unwidersprochen die teilweise ehrverletzenden Sprüche seiner beruflichen Mitstreiter anhört, ist ebenfalls gefährdet. Trotz dieser naheliegenden Wirkungszusammenhänge gelingt es vielen Berufstätigen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht, die Hürde des Neinsagens überwinden zu können. Grund genug, sich einmal mit der natürlichen Abwehrtechnik durch das Neinsagen im Zusammenhang mit persönlicher Überforderung im Beruf auseinanderzusetzen.

Neinsagen im beruflichen Alltag trotz hierarchischer Umklammerung

Die Delegation von Aufgaben ist ein wesentliches Element des Führens in Betrieben und Behörden. Eine funktionierende Ablauforganisation soll die gesetzten Zielvereinbarungen gewährleisten. Trotz vieler Vorgesetzten auf unterschiedlichen Hierarchieebenen sollten sich die untergeordneten Teammitglieder nicht zu weisungsgebundenen Jasagern entwickeln, denn ein Nein muss nicht immer negativ sein. Ein Hinweis auf Abweichungen im Arbeitsablauf kann beispielsweise positiv als Aufmerksamkeit eines Beschäftigten gewertet werden, denn durch sein Einschreiten können alle Beteiligten wieder auf den richtigen Pfad gebracht werden. Dieses Bewusstsein sollte auch das Neinsagen zu Vorgesetzten beflügeln, wenn dadurch auf einen Missstand konstruktiv aufmerksam gemacht wird. Damit wird deutlich: Neinsagen sollte überlegt sein und einen möglichst konstruktiven Hintergrund haben. Auf diese Weise sind erfragte Begründungen auch unproblematisch darzustellen.

Bei Vorgesetzten sollten die situativen Umstände berücksichtigt werden. Falls es die Möglichkeit zulässt, sollte das Nein gegenüber Vorgesetzten nicht im Beisein zahlreicher Mitarbeiter ausgesprochen werden, denn es geht ja nicht darum, jemanden herauszufordern oder bloßzustellen. Außerdem können sich Mitarbeiter bei gemeinsamen Angelegenheiten untereinander absprechen, sodass sich nicht immer die gleiche Person an den Vorgesetzten wenden muss. Dadurch soll eine Abstempelung zum ständigen Neinsager eines Mitarbeiters verhindert werden.

Wenn Jasagen krank macht

In bundesdeutschen Bürobetrieben passieren circa ein Drittel aller Unfallereignisse in Büros durch Ausrutschen, Stolpern, Stürzen und Umknicken. In vielen Fällen spielten dabei unzureichendes Konzentrationsvermögen, Hektik und Zeitdruck sowie mangelnder Nachtschlaf, Sorgen und Stress eine erhebliche Rolle. Zahlreiche Symptome könnten dabei die Folge vermeidbarer Überlastungen gewesen sein. Burn-out und Mobbing werden zunehmend zum Problemthema. Wenn auf das Neinsagen nicht mehr verzichtet wird, können neue Grenzen im Umgang mit Anderen gesetzt werden, die nicht verborgen bleiben. Wer sich vor ablehnenden Reaktionen scheut, wird überrascht sein, dass auf konstruktives Neinsagen stattdessen Akzeptanz und Respekt von Vorgesetzten folgt. Auch von anderen betroffenen Mitarbeitern wird eine Ablehnung oftmals anerkennend registriert. Losgelöst vom funktionalen Stellenwert in einer Arbeitsorganisation sollte ein Nein zu einem unsachlichen, ehrverletzenden Sprachgebrauch ebenso kompromisslos wie frühzeitig erfolgen. Wer sich alles gefallen lässt, verliert auf Dauer seine Arbeitszufriedenheit, macht Fehler und wird krank.

Die erlernbare Kompetenz der glaubwürdigen Ablehnung

Zu einer effizienten Handlungsstruktur im beruflichen Alltag zählt unausweichlich das Neinsagen. Bringt das bisher erlernte Verhalten dazu noch nicht die notwendige Bereitschaft mit, kann die Fähigkeit des Neinsagens erlernt werden. Dazu gehört das Erkennen von Kollegen, die mit Komplimenten oder dem Einreden eines schlechten Gewissens den Anderen dazu bringen wollen, zusätzliche Aufgaben zu erledigen. Um diese ausschweifende Redetaktik à la "Du kannst das doch viel besser als ich" zu unterbrechen, muss ein begründbares klares Nein ausgesprochen werden. Unsicheres Drumherum reden ist in dieser Situation nicht zielführend. Zur Unterstützung der verbalen Ablehnung tragen auch eine sichere Aussprache und klare Betonung bei. Ebenso können situationsbedingt auch verstärkende Gesten hilfreich sein. Unterstützend können mögliche Ursachen für die bisherige Zurückhaltung beim Neinsagen ergründet werden.

Mit etwas Übung lässt sich ein überzeugender Standard des Neinsagens entwickeln. Manchmal ist es hilfreich, sich eine kurze Bedenkpause bis zur Antwort zu erbeten, wenn dies für eine stichhaltige Ablehnungsbegründung erforderlich ist. Als vorbereitende Übung des Neinsagens im Beruf können ungezwungenere Erfahrungen im Freizeitbereich dienen, die das Selbstbewusstsein stärken und durch das Erfolgserlebnis für gute Laune sorgen. Wer die Praxis des konstruktiven Neinsagens in seinen Lebensalltag integriert hat, wird erfahrungsgemäß im gewohnten beruflichen Umfeld nicht mehr so oft davon Gebrauch machen müssen.